Green Makes-Mitglieder berichten vom ERSTEN GENERATIONEN- STAMMTISCH

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Green Makes-Mitglieder berichten vom ERSTEN GENERATIONEN- STAMMTISCH

Erkenntnisse vom 1. Generationen-Stammtisch der GREEN MAKES-Community >> ein Bericht von Green Makes-Mitglied Martina Gadermeier

Bei unserem 1. Generationen Stammtisch im Rahmen des KEM-Projektes „Green Makes“ stand der Austausch mit Senior*innen auf dem Programm. Wir wollten herausfinden, was wir in Bezug auf einen nachhaltigen Lebensstil und Umgang mit Ressourcen von älteren Menschen lernen können.

In meinem kleinen Garten baue ich Gemüse und Obst an. Ich bin zwar weit weg von kompletter Selbstversorgung, aber darum geht es mir auch nicht. Das Wühlen in der Erde und das Arbeiten in und mit der Natur macht einfach ungemeine Freude. Dabei muss ich oft an meine Großeltern denken, die in Mondsee einen großen Gemüse und Obstgarten bewirtschafteten. Mein Opa kam aus Franztal und dort lebte man noch sehr ursprünglich, ich stelle mir das immer gerne wie bei den Amish People vor:-) Mein Opa war somit auch die Inspiration für den 1. Generationen-Stammtisch und es war naheliegend, neben anderen Senior*innen auch den Verein der Franztaler Ortsgemeinschaft einzuladen. Vielleicht ein kleiner geschichtlicher Exkurs zur Geschichte der Franztaler: Über 200 Jahre lang war die Ortschaft Franztal in der Nähe von Semlin/Belgrad Heimat von Donauschwaben, die in der österreichischen Monarchie als Siedler dort eine Heimat fanden und den Boden in harter Arbeit urbar machten. Am Ende des 2. Weltkrieges wurde diese Gemeinschaft vertrieben und fand nach einer wochenlangen Flucht mit 167 Pferdewagen in Mondsee eine neue Heimat. Heute gibt es auf der ganzen Welt Franztaler Nachkommen, die die Erinnerung bewahren wollen und über einen Verein in Kontakt bleiben. Interessierte können auf der Website des Vereins der Franztaler Ortsgemeinschaft nachlesen: https://www.franztal.at/

Es freut mich sehr, dass einige Franztaler Nachkommen zum Stammtisch kamen. Für den Austausch teilten wir uns in 3 kleinere Gruppen auf und was ich später so erfahren konnte, wurde sich in jeder der Gruppen sehr gut unterhalten. Es ging viel um Lebensgeschichten, Erfahrungen und nur zweitrangig um das Thema Klimaschutz. Trotzdem konnten wir viele Erkenntnisse erlangen, die ich euch hier vorstellen möchte:

Gemeinschaft vor Mobilität

Früher hatte die (Orts-)Gemeinschaft eine hohe Bedeutung. Mobilität im weitesten Sinne war nicht wichtig, das Konzept Urlaub gab es am Land und in der einfachen Bevölkerung noch nicht. Den weitesten Radius hatte man zu nächstgelegenen Städten, bei den Franztalern Semlin, oder beim Wallfarten, wohlgemerkt zu Fuß. Im Alltag erledigte man praktisch alles vor Ort. Feste, Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung waren sehr wichtig. Ein Wertewandel in Richtung mehr Gemeinschaft mit Menschen vor Ort würde eventuell die Emissionen durch den Verkehr reduzieren.

Tauschen & Leihen statt Besitzen

Selbst produzierte Lebensmittel wurden getauscht, große Geräte ge- und verliehen oder gemeinsam angeschafft. Das spart Ressourcen und funktioniert auch heute noch prima. Neben den finanziellen Vorteilen stärkt es auch das Gemeinschaftsgefühl.

Mehrweg als Standard und ein abfallfreies System

Wie kam man früher eigentlich ohne Plastik und Einwegverpackungen klar? Tja, diese Frage brachte zum Nachdenken. Viel wurde in Mehrweg-Glasflaschen verpackt. Gläser befüllte man mit selbstgemachtem immer wieder neu, bis sie kaputt gingen. Lebensmittel wurden auch oft in gewachstem Papier oder schlichtem Zeitungspapier transportiert. Abfall gab es kaum, organisches Material kam auf den Kompost, wurde den Schweinen verfüttert oder trockenes Material verheizt. Ohne Müllabfuhr gab es aber auch Gruben, in denen Unbrauchbares vergraben wurde. Auf mehr Mehrweg konnten wir uns schnell mit den Senior*innen einigen. Kompost kann mittlerweile auch im kleinen Rahmen, z.B. mit einer Wurmkiste oder einem Bokashi-Eimer produziert werden.

Gebrauch von lokalen Materialien

Harald Kienzl, KEM Manager Fuschlsee-Wolfgangsee, erzählte, dass in seinem Heimatort in Südtirol, wo es ging, Material verwendet wurde, das es vor Ort gab. Gebäude wurden z.B. aus lokalem Stein und Holz gebaut. Für eine nachhaltigere Bauwirtschaft könnte man sich also durchaus Inspirationen aus der Vergangenheit holen. Übrigens gibt es auch in manchen Gegenden den Trend, Holz von alten Scheunen für Fassaden und Interiordesign zu verwenden. Auch alte Pflastersteine sind eigentlich zu schade, um nicht wieder verbaut zu werden.

Reparieren

Damals war es der Mangel an finanziellen Mitteln, der die Leute zum Reparieren brachte. Heute lohnt es sich, um den CO2 Fußabdruck klein zu halten und weniger Ressourcen zu verbrauchen. In Franztal gab es z.B. viele Handwerker. Für kniffligere Reparaturen ging man also zum Fachmann, der bestimmt auch irgendwie verwandt, befreundet oder gut gesonnen war. Frauen reparierten oft nach getaner Hofarbeit Textilien und stopften Löcher.

Hausmittel statt Chemiekeule

Soda, Essig, Seife – mehr brauchte man damals zum Putzen und Waschen nicht. Aber auch gegen Läuse an den Pflanzen oder gegen Kleidermotten kann man Essig verwenden. Gut, für die Bekleidung ist mir persönlich Lavendel die liebere Wahl, aber es ist schon interessant, wie vielseitig man diese alten Hausmittel einsetzen kann! Dazu möchte ich gerne das Buch ‚5 Hausmittel ersetzen eine Drogerie‘ von smarticular empfehlen.

Haltbar machen & Reste verwerten

Einsuren, einsalzen und in Schmalz einlegen ist natürlich nicht mehr alltagstauglich, aber trotzdem interessant, auf wie vielseitige Weise man Lebensmittel haltbar machen könnte. Aus gutem Grunde erleben Fermentieren und Einkochen gerade ein Revival. So können Reste sehr gut vermieden werden. Eier sind übrig geblieben? Die könnte man in Kalk einlegen und so über mehrere Monate haltbar machen. Grüne Tomaten sind im Oktober noch an den Pflanzen? Einfach in einen Karton geben oder in Zeitungspapier einschlagen und sie reifen nach. Roswitha Mamoser hat in ihrem Franztaler Kochbuch auch ein Rezept verewigt, wie man Sirup mit Melonenschalen ansetzt. Das werde ich bestimmt demnächst versuchen! Wenn man Fleisch ist, sollte man sich an der früheren Praktik halten und nicht nur Filetstücke essen, sondern auch Produkte aus den anderen Teilen (Schmalz, Blutwurst). Was sich bis heute gehalten hat, ist die Verwendung von Hornspänen und Horngries als Pflanzendünger. Wurzelgemüse wurde früher gerne in Sand eingeschlagen und in Kisten im kalten Keller aufbewahrt. Du hast keinen kalten Keller? Dann könntest du auch in einem leeren Frühbeet oder einer vergrabenen Waschtrommel ein Erdlager einrichten. Frag doch mal deine Großeltern wie das geht;-)

Selbstversorgung

In Franztal hatte jeder Haushalt auch einen Hausgarten, in dem Gemüse und Obst selbst angebaut wurde. Auch normale Bürger, die keine hauptberuflichen Bauern waren, hielten sich Schweine, Hühner oder Gänse für den eigenen Bedarf. Der Anbau von eigenem Obst und Gemüse funktioniert heutzutage auch ohne großem Grund, auf Balkon und Terrasse oder im Gemeinschaftsgarten. Bei den Mondsäern wird z.B. gemeinsam bewirtschaftet und geerntet.

Alte Sorten

Schonmal von der Mondseer Melde gehört? Ich auch nicht, aber Karola Birgel erzählte von dieser alten Sorte, die ähnlich wie Spinat verwendet werden kann. Saatgut gibt es bei ReinSaat, z.B. über Arche Noah. Franz Muhr baut alte lokale Getreidesorten an. Warum lohnt sich überhaupt der Anbau von alten Sorten? Egal ob Obstbaumsorten, Gemüse oder Getreide: Lokale Sorten sind optimal an die Bedingungen vor Ort angepasst. Der Erhalt alter Sorten und von botanischer Vielfalt ist auch wichtig, um beim rasch ändernden Klima die Ernährungssicherheit nicht zu gefährden. Auch im kleinen Privatgarten kann man durch den Anbau alter Sorten einen Beitrag dazu leisten. Besonders engagierte können darüber hinaus auch Teil der Sorten-Erhaltung werden: https://www.arche-noah.at/aktiv-werden/erhalterin-werden

Eitelkeit für besondere Anlässe aufheben

Auch früher wollte man sich mal fein herausputzen. Dafür zog man aber zum Spielen oder für Alltagsarbeiten Bekleidung an, die sich für härtere Beanspruchung eignete. Hofer Pepi vom Roten Kreuz in Mondsee erzählte, wie sie früher das schöne Schulgewand daheim noch vor dem Essen auszogen und in die Alltagskleidung schlüpften. Für den Kirchgang gab es das schönste Gewand. In dem Zusammenhang musste ich gleich an die Gatschhosen von meinen Kindern denken. Wieso gibt es die nicht auch für Erwachsene? Oder allgemein gesprochen: Ist es wirklich so wichtig, jeden Tag die Woche und zu jeder Tageszeit perfekt gekleidet und gut aussehend zu sein? Machen wir uns doch in dieser Hinsicht bitte wieder locker!

Kinder teilnehmen lassen

Kindern wurde früher viel abverlangt und sie mussten bei der Landwirtschaft, im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung kräftig mithelfen. Gottseidank genießen unsere Kinder heute mehr Freiheit und können sich dadurch besser entfalten. Einen positiven Aspekt können wir uns jedoch abschauen: Kinder mehr teilnehmen zu lassen an alltäglichen Dingen, ihnen praktisches Wissen vermitteln und ihnen mehr zuzutrauen. Auf diese Weise lässt sich am Besten ein vernünftiger Umgang mit Ressourcen vermitteln und wir machen unsere Kinder unabhängiger von käuflichen Dingen. Meine Erfahrung ist, das besonders kleine Kinder sehr gerne mithelfen und uns schon im Kleinkindalter ‚imitieren‘. Wie oft hab ich schon Stofftiere oder Spielsachen aus der Waschmaschine retten müssen! Beim Wäsche sortieren können sogar kleine Kinder prima helfen. Welche Farbe hat das? Ist das Hell oder Dunkel? Mein 4-jähriger Sohn hilft mir auch beim Anpflanzen von Bohnen und Erbsen und hat eine riesen Freude beim Ernten – da hilft auch die kleine Schwester schon gerne mit.

Aber die größte Erkenntnis des Stammtisches war …

… wie unglaublich bereichernd und inspirierend der Austausch zwischen verschiedenen Altersgruppen sein kann! Lasst uns dieses Wissen weitertragen und uns öfter über die eigene Generation hinaus austauschen. Wer weiß, welches Wissen uns in Zukunft noch zu Gute kommen wird.

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